Franken gehört zur Dritten Welt

Um 300 nach Christus ist Franken bitterarm. Zusammen mit Sachsen, Goten und Alemannen suchen die Elenden einen Ausweg. Heute wird Armut nicht als Fluchtgrund anerkannt – denn es sind die anderen, die leiden.

Das östliche Ufer ist überfüllt mit Flüchtlingen. Sie sind verwahrlost, abgemagert und gezeichnet. Hinter ihnen liegt die wochenlange Flucht aus dem Kriegsgebiet und vor ihnen eine ungewisse Zukunft. Die zugesagten Hilfsgüter bleiben aus, die bewaffneten Grenzsoldaten verzögern mit aller Gewalt die Hinreise. Ein erschreckend vertrautes Szenario, aber wir befinden uns im )ahr 376 n. Chr., der Fluss ist die Donau und die Flüchtlinge sind Westgoten. Trotz Wirtschaftsrezession und inflationären Steuern herrschten damals im römischen Reich immer noch Luxus und Wohlstand. Hunger war für die meisten Menschen ein Fremdwort, denn mit Sizilien und Nordafrika kontrollierte das Imperium die Kornkammern der Antike. Wenn auch die Gladiatorenkämpfe mit dem Siegeszug des Christentums ihr Ende gefunden hatten, noch galt das alte Motto „Brot und Spiele“.

Die Dritte Welt lag jenseits des Limes, wo die germanischen Stämme seit Jahrhunderten ein äußerst karges Leben führten. Luxus waren regelmäßige Mahlzeiten, Dekadenz ausreichend Dünnbier dazu. Und dann brachte ein Ereignis auf der anderen Seite der Welt die Katastrophe: In Neuseeland explodierte 181 n. Chr. der Taupo und schleuderte unvorstellbare 120 Kubikkilometer Asche in die Atmosphäre, der größte Vulkanausbruch in der Geschichte der Menschheit. Die Folge war eine radikale Klimaverschlechterung im Norden Europas – Jahrzehnte voller Regen, Jahrzehnte voller Missernten, Jahrzehnte voller Hunger. Wie verlockend war da Roms Überfluss. Die Grenzbefestigungen mit ihren Hilfstruppen waren nicht das Problem, doch im Hinterland standen die römischen Legionäre, die effizienteste Kampfmaschine, die die Welt bislang gesehen hatte. Kleine Stammesgruppen hatten

da keine Chance und so schließen sich die germanischen Stämme im 3. Jahrhundert zu neuen, kraftvollen Großverbänden zusammen: Alemannen, Franken, Sachsen, Westgoten, Ostgoten und Vanda-len. Von nun an standen Roms Heere in einer permanenten Abwehrschlacht. Das Verteidigungssystem kollabiert endgültig, als die brutale Kraft des Hunnensturms ganze Völker vor sich hertreibt. 375 überquerten die Westgoten die Donau, 407 die Vandalen den Rhein – immer im Tross Frauen, Kinder und Viehbestand. Auch die Franken drängten immer weiter nach Westen, während die Boote der Sachsen an der Küste Englands landeten. Anders als uns viele römische Chronisten vermitteln wollten, waren alle diese Menschen in Bewegung keine tollwütigen Barbaren, angetrieben von blinder Zerstörungswut und Beutegier. Sie suchten eine neue Heimat und ein Leben im Wohlstand. Und Wohlstand hieß damals Ackerland. Als die Vandalen Nordafrika eroberten, erhielten sie die römische Infrastruktur – nur die Führungselite wurde ersetzt. Ähnlich arrangierten sich auch die Franken und Westgoten mit der einheimischen Bevölkerung in Gallien und auf der iberischen Halbinsel. Es entstand eine Synthese zwischen römischen Traditionen und germanischen Werten, die bis heute unser abendländisches Denken definiert. Die größte Migrationswelle in der europäischen Geschichte brachte das Gebäude des Römischen Reichs zu Fall und legte damit die Fundamente für das moderne Europa.

Text: Dr. Klaus Hillingmeiet. Chefredakteui G/Geschichte in Augsburg

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